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Die Kunst
des Leidens

Ein Rekord ist eine Zahl,
keine Erklärung

Ein Rekord ist eine Zahl. 52,054 Kilometer in einer Stunde, gefahren im Tissot Velodrome von Grenchen. Man kann sie aufschreiben, man kann sie fotografieren, man kann sie feiern. Sie hält elf Jahre oder auch länger, und dann kommt jemand und schreibt eine andere hin.

Was ein Rekord nicht ist: eine Erklärung.

Fotoreportage im Leistungssport: Vertrauen entsteht nicht am Tag des Ereignisses

Ich habe Franz-Josef Lässer über Monate begleitet, dreimal produziert, bevor der Tag in Grenchen überhaupt stattfand. Das ist keine Frage der Gründlichkeit, sondern eine Frage der Physik des Vertrauens. Ein Mensch erzählt einer Kamera nicht deshalb die Wahrheit, weil sie da ist, sondern weil sie schon vorher da war. Wer erst am Tag des Ereignisses auftaucht, bekommt das, was der Athlet für die Öffentlichkeit vorbereitet hat. Wer vorher da war, bekommt das, wofür er noch keine Formulierung hat. Genau darum geht es mir in meiner Arbeit als Fotograf und Dokumentarfilmer. Nicht um das Zitat, das gut aussieht. Um den Satz, der ihn selbst überrascht, während er ihn ausspricht.

Nähe, die nicht drückt

Dokumentiert habe ich nicht nur die Stunde auf der Bahn. Auch die Trainingsinhalte bei ihm in der Unterkunft in der Schweiz, die Ernährung, die Regeneration. Für ein Training sind wir gemeinsam den Grenchenberg hochgefahren – er auf dem Rad, ich zuerst mit dem Auto aber auch zu Fuß, und irgendwo zwischen Anstieg und Atemlosigkeit haben wir über den Sport philosophiert, statt über ihn zu reden. Das ist der Teil meiner Arbeit, über den selten jemand spricht: die Kalibrierung von Nähe. Nah genug, dass ein freundschaftliches Verhältnis entsteht, in dem ein Mensch auch das erzählt, was er noch nicht sortiert hat. Gleichzeitig weit genug weg, dass er sich in seiner Vorbereitung nicht beengt fühlt.

Dazwischen liegt Intuition und klare Kommunikation darüber, was der Athlet in dieser Phase gerade braucht …. nunja und was er gerade nicht braucht. Eine Kamera, die zu nah steht, verändert das, was sie aufnimmt. Eine, die zu weit weg steht, bekommt nur die Oberfläche. Diesen Abstand jeden Tag neu zu finden, ist der eigentliche Beruf.

Die zweite Stunde: was nach dem Stundenweltrekord geschah

Nach dem Stundenweltrekord lag Franz-Josef eine Stunde lang am Hallenboden. Die Beine schmerzten und gehorchten nicht. Er hat geweint. Und irgendwann in dieser Stunde ist ihm nicht der Rekord durch den Kopf gegangen, sondern die Dankbarkeit dafür, dass er normalerweise gehen kann.

Das ist die Stelle, an der die meisten Reportagen aufhören und meine Arbeit anfängt. Denn dieser Moment ist kein Nebenprodukt der Anstrengung. Er ist ihr eigentliches Ergebnis. Der Körper nimmt etwas weg, was so selbstverständlich war, dass es unsichtbar geblieben ist, und in genau diesem Entzug wird es zum ersten Mal sichtbar. Wir wissen, was wir haben, offenbar erst, wenn wir es kurz nicht haben.

Und daraus wächst die Frage, die mich seit Grenchen nicht loslässt: Wenn Erkenntnis diesen Preis hat, was bleibt uns dann verborgen, solange wir alles unternehmen, um ihn nicht zu zahlen?

Was die Kunst des Leidens meinen könnte

Der Begriff trägt einen Widerspruch in sich. Kunst ist etwas, das man wählt. Leid ist etwas, das einen ereilt. Wer beides zusammensetzt, behauptet, dass man den Schmerz gestalten kann, statt ihn nur zu erdulden. Das ist eine steile Behauptung — und vielleicht genau der Grund, warum Menschen an Startlinien stehen, an denen niemand sie erwartet.

Zwei Fragen, die ich mir dazu selbst stelle:

Erstens: Wenn das Leid ohnehin kommt – ist die Weltrekordjagd dann Übermut oder eher eine Form von Vorbereitung? Also nicht die Suche nach dem Schmerz, sondern die Entscheidung, ihm zu einem selbstgewählten Zeitpunkt zu begegnen, an einem Ort, den man selbst gebaut hat, statt darauf zu warten, dass er einen unvorbereitet trifft.

Zweitens: Und wenn das so ist – muss ein zufriedenes Leben dann überhaupt der Gegenpol zur Rekordjagd sein? Oder ist die Rekordjagd der Umweg, auf dem manche Menschen erst herausfinden, was ein zufriedenes Leben für sie eigentlich bedeutet? Franz-Josef hat es auf dem Hallenboden herausgefunden. Nicht auf dem Rad, sondern liegend, als er kurz nicht gehen konnte.

Vielleicht ist die Kunst des Leidens gar keine Kunst des Aushaltens. Vielleicht ist sie die Kunst, dem eigenen Leben eine Frage zu stellen, die es beantworten muss.

Sichtauchen: warum ich die Fragen stelle, nicht nur die Bilder mache

Ich stelle solche Fragen nicht, weil sie klug klingen. Ich stelle sie, weil ich weiß, wann sie tragen. Nicht im Zielbereich, wo alles Adrenalin ist. Nicht in der Woche danach, wenn die Sprachregelung längst steht. Sondern in den Zwischenräumen, die ich mitfotografiert habe, und dann noch einmal später, wenn die Erinnerung sich gesetzt hat und ein Mensch anfängt, sich selbst zuzuhören. Diese Reflexion passierte genau drei Wochen nach dem Rekord. Deshalb ist es mir wichtig, die Emotionen der Momente festzuhalten und dann die Geschwindigkeit rauszunehmen und sich Zeit zu lassen, um Gedanken und Gefühle mit passenden Wörtern zu verpacken.

Was daraus entsteht, gehört nicht mir. Es gehört dem Athleten: als Material für seine Vorträge und Keynotes, als Sprache für das, was er erlebt hat, manchmal auch als das erste Mal, dass er es überhaupt in Worte gefasst hat.

Die Bilder halten fest, dass es passiert ist. Die Fragen halten fest, was es bedeutet hat. Glückwunsch, Franz-Josef. Zur ersten Stunde und zur zweiten!

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