Skip to main content

Die Kunst
des Leidens

Franz-Josef Lässer fuhr 52,054 Kilometer in einer Stunde. Sechs Monate Begleitung, und die Stunde danach, in der das Eigentliche passiert ist.

Ein Rekord ist eine Zahl,
keine Erklärung

Ein Rekord ist eine Zahl. 52,054 Kilometer in einer Stunde, gefahren im Tissot Velodrome von Grenchen. Man kann sie aufschreiben, man kann sie fotografieren, man kann sie feiern. Sie hält elf Jahre oder auch länger, und dann kommt jemand und schreibt eine andere hin.

Was ein Rekord nicht ist: eine Erklärung.

Fotoreportage im Leistungssport: Vertrauen entsteht vor dem Tag des Ereignisses

Ich habe Franz-Josef Lässer über Monate begleitet und dreimal produziert, bevor der Tag in Grenchen überhaupt stattfand. Das hat wenig mit Gründlichkeit zu tun. Es hat mit der Physik des Vertrauens zu tun.

Ein Mensch erzählt einer Kamera die Wahrheit, weil sie schon vorher da war. Wer erst am Tag des Ereignisses auftaucht, bekommt das, was der Athlet für die Öffentlichkeit vorbereitet hat. Wer vorher da war, bekommt das, wofür er noch keine Formulierung gefunden hat. Mich interessiert der Satz, der ihn selbst überrascht, während er ihn ausspricht.

Genau darum geht es mir in meiner Arbeit als Fotograf und Dokumentarfilmer. Ein Rekordversuch ist ein Termin. Die Monate davor sind die Geschichte.

Die Kalibrierung von Nähe

Dokumentiert habe ich die Stunde auf der Bahn. Dazu die Trainingseinheiten in seiner Unterkunft in der Schweiz, die Ernährung, die Regeneration und die langen Leerläufe, die zwischen alldem liegen. Für eine Einheit sind wir gemeinsam den Grenchenberg hinauf, er auf dem Rad, ich zuerst mit dem Auto und dann zu Fuß. Irgendwo zwischen Anstieg und Atemlosigkeit sind wir beim Sport selbst gelandet, bei der Frage, wozu er eigentlich gut ist.

Das ist der Teil meiner Arbeit, über den selten jemand spricht: die Kalibrierung von Nähe. Nah genug, dass ein freundschaftliches Verhältnis entsteht, in dem ein Mensch auch das erzählt, was er noch nicht sortiert hat. Weit genug weg, dass er sich in seiner Vorbereitung nicht beengt fühlt.

Dazwischen liegen Intuition und klare Kommunikation darüber, was der Athlet in dieser Phase braucht und was er gerade nicht braucht. Eine Kamera, die zu nah steht, verändert das, was sie aufnimmt. Eine, die zu weit weg steht, bekommt die Oberfläche. Diesen Abstand jeden Tag neu zu finden, ist der eigentliche Beruf.

Faktenbox — Der Rekord in Zahlen

Der Rekord in Zahlen

52,054 Kilometer

in 60 Minuten, gefahren am 6. August 2026 im Tissot Velodrome von Grenchen

208 Runden
Athlet
Franz-Josef Lässer (AUT), Welt- und Europameister im Para-Zeitfahren, Startklasse C5, Team WSA KTM Graz
Datum und Ort
6. August 2026, 15.00 Uhr MESZ, Tissot Velodrome, Grenchen, Schweiz
Zwei Rekorde
Österreichischer Elite-Stundenrekord und UCI-Stundenweltrekord im Paracycling der Klasse C5
Finanzierung
Crowdfunding, ohne Konzernbudget
Bilddokumentation
Jack Griesbeck, JACKSCORNER. Vier Produktionen zwischen Frühjahr und August 2026

Worum es ging

Zwischen den beiden Bestmarken, die Lässer angriff, lagen 381 Meter. Auf der 250-Meter-Bahn von Grenchen sind das eineinhalb Runden.

Franz-Josef LässerGrenchen, August 2026 52,054 km
Matthias BrändleÖsterreichischer Elite-Rekord seit Oktober 2014 51,852 km
Will BjergfeltPara-Weltrekord C5 seit August 2025 51,471 km
51,3 km52,2 km

Der absolute Elite-Weltrekord liegt bei 56,792 Kilometern, aufgestellt von Filippo Ganna am 8. Oktober 2022 auf derselben Bahn in Grenchen.

Die zweite Stunde: was nach dem Stundenweltrekord geschah

Nach dem Rekord lag Franz-Josef eine Stunde lang am Hallenboden. Die Beine schmerzten und gehorchten nicht. Dann spürte er sie eine Weile gar nicht mehr, und in diesen Minuten ging ihm der Gedanke durch den Kopf, dass er von jetzt an vielleicht querschnittsgelähmt sein könnte. Er hat geweint. Und irgendwann in dieser Stunde kam ihm die Dankbarkeit dafür, dass er normalerweise gehen kann.

Erzählt hat er mir das erst drei Wochen später. Ruhig und fast beiläufig, wie eine Beobachtung an einem fremden Körper.

Das ist die Stelle, an der viele Reportagen aufhören und meine Arbeit anfängt. Dieser Moment ist nicht das Nebenprodukt der Anstrengung, sondern ihr Ergebnis. Der Körper nimmt etwas weg, was so selbstverständlich war, dass es unsichtbar geblieben ist, und in diesem Entzug wird es zum ersten Mal sichtbar. Wir erkennen offenbar erst, was wir haben, wenn wir es kurz nicht haben.

Seit Grenchen lässt mich eine Frage nicht mehr los. Wenn Erkenntnis diesen Preis hat, wie viel bleibt mir dann verborgen, solange ich alles unternehme, um ihn nicht zu zahlen?

Was die Kunst des Leidens meinen könnte

Der Begriff trägt einen Widerspruch in sich. Kunst wählt man. Leid ereilt einen. Wer beides zusammensetzt, behauptet, dass sich Schmerz gestalten lässt. Das ist eine steile Behauptung, und vielleicht steht sie am Anfang jeder Startlinie, an der niemand einen erwartet.

Zwei Fragen, die ich mir dazu selbst stelle:

Erstens. Wenn das Leid ohnehin kommt, ist eine Weltrekordjagd dann Übermut oder eine Form von Vorbereitung? Also die Entscheidung, dem Schmerz zu einem selbstgewählten Zeitpunkt zu begegnen, an einem Ort, den man selbst gebaut hat, bevor er einen unvorbereitet trifft.

Zweitens. Muss ein zufriedenes Leben dann der Gegenpol zur Rekordjagd sein? Oder ist die Rekordjagd der Umweg, auf dem manche Menschen herausfinden, was ein zufriedenes Leben für sie bedeutet? Franz-Josef hat es auf dem Hallenboden herausgefunden, liegend, in der Stunde, in der er kurz nicht gehen konnte.

Vielleicht ist die Kunst des Leidens die Kunst, dem eigenen Leben eine Frage zu stellen, die es beantworten muss.

Sichttauchen: warum ich die Fragen stelle und nicht nur die Bilder mache

Ich stelle solche Fragen, weil ich weiß, wann sie tragen. Im Zielbereich tragen sie nicht, dort ist alles Adrenalin. In der Woche danach auch nicht, da steht die Sprachregelung längst. Sie tragen in den Zwischenräumen, die ich mitfotografiert habe, und noch einmal später, wenn die Erinnerung sich gesetzt hat und ein Mensch anfängt, sich selbst zuzuhören. Bei Franz-Josef war das genau drei Wochen nach dem Rekord.

Deshalb halte ich zuerst die Emotion des Moments fest und nehme danach die Geschwindigkeit heraus. Gedanken und Gefühle brauchen Zeit, bis sie die Wörter finden, die zu ihnen passen. Diese Bewegung unter die Oberfläche nenne ich Sichttauchen. Sie gehört zu meiner Methode Auf den zweiten Blick® und steht als Begriff im Buch zur Methode.

Was daraus entsteht, gehört dem Athleten. Als Material für seine Vorträge und Keynotes, als Sprache für das, was er erlebt hat, manchmal als das erste Mal, dass er es überhaupt in Worte gefasst hat.

Die Bilder halten fest, dass es passiert ist. Die Fragen halten fest, was es bedeutet hat.

Glückwunsch, Franz-Josef.
Zur ersten Stunde und zur zweiten.

CREATE MORE THAN YOU CONSUME

error: Inhalt ist geschützt !!
WordPress Cookie-Hinweis von Real Cookie Banner