Sichttauchen
Über die Kunst, einem gesehenen Bild nicht zu glauben
Ich habe ein Wort gebaut, weil mir die vorhandenen zu bequem geworden sind.
"Hinsehen" kann jeder von sich behaupten, während er scrollt. "Genau hinsehen" klingt schon nach Anstrengung, beschreibt aber immer noch eine Bewegung, die an der Oberfläche entlangfährt, nur langsamer. Was ich meine, geht nach unten. Also habe ich es Sichttauchen genannt.
In meinem Buch steht es auf Seite 218 in der Form, in der Wörter üblicherweise stehen, wenn sie schon eine Weile da sind. Das war Absicht. Ein Wort, das man erfindet, bekommt seine Ernsthaftigkeit nicht durch Erklärung, sondern durch die Behauptung, dass es einfach existiert.
I. Der Teil, den man sieht
Man hat mir oft gesagt, die Oberfläche täusche. Ich halte das inzwischen für eine Ausrede, und zwar für eine sehr bequeme.
Die Oberfläche ist ehrlich. Sie hat nie behauptet, mehr zu sein als das, was sie ist: die Stelle, an der ein Ding aufhört, sichtbar zu sein. Der Betrug findet woanders statt. Er findet in unserer Eile statt, in dem winzigen Moment, in dem wir beschließen, dass wir schon genug wissen.
Daniel Kahneman hat für diesen Moment eine Beschreibung geliefert, die mich seit Jahren begleitet. Das schnelle Denken ist kein Konstruktionsfehler der Evolution. Es ist ihre Sparsamkeit. Es urteilt in Millisekunden, es urteilt meistens brauchbar, und es urteilt immer.
Man kann es nicht abschalten. Man kann ihm nur widersprechen, und Widerspruch ist teuer. Der zweite Blick kostet Sekunden. Manchmal kostet er Monate. Deshalb nehmen ihn so wenige.
Genau an dieser Stelle setzt die Methode an, die ich unter dem Namen Auf den zweiten Blick® entwickelt und im Buch beschrieben habe. Sie ist kein Appell, langsamer zu werden. Sie ist ein Verfahren für den Umgang mit einem Urteil, das bereits gefallen ist, bevor man es bemerkt hat. Sichttauchen ist darin der Schritt, der am tiefsten geht und deshalb am seltensten getan wird.
II. Die Oberfläche lügt nicht
Von einem Eisberg steht etwa ein Neuntel über Wasser. Alles andere liegt darunter, und es ist nicht versteckt. Es ist einfach an einer Stelle, an die der Blick nicht von allein reicht.
Ich benutze dieses Bild, weil es sofort verstanden wird und trotzdem selten angewendet. Jeder kann den Satz aufsagen, dass die Spitze nur ein kleiner Teil ist. Kaum jemand handelt danach, wenn er einem Menschen begegnet, einer Nachricht, einem Foto. In meiner Arbeit als Fotograf ist genau das die Aufgabe. Eine Fotoreportage, die nur die Spitze zeigt, ist schnell gemacht und schnell vergessen.
Sichttauchen ist deshalb kein spektakulärer Vorgang. Es ist die schlichte Entscheidung, unter die Oberfläche zu schauen, statt die Spitze für das Ganze zu halten. Kein Ausrüstungsproblem. Ein Aufmerksamkeitsproblem.
Sehen halten wir für kostenlos. Es geschieht scheinbar von selbst, wie Atmen. Genau diese Selbstverständlichkeit wollte ich mit einem eigenen Wort markieren, denn was man für kostenlos hält, überprüft man nie.
III. Spitzbergen: was man für Leere hält
Sechsmal habe ich Spitzbergen als Expeditionsfotograf begleitet. Beim ersten Mal habe ich gesehen, was jeder sieht. Kälte, kein Baum, kaum Farbe, eine Landschaft, die nach Mangel aussieht. Das Tückische daran ist, dass dieser erste Blick nicht falsch ist. Es ist ja kalt, und es ist karg. Nur ist Kargheit eine Aussage über die Oberfläche und keine über das, was darunter liegt.
Denn diese angeblich leere Gegend ist eine der dichtesten Ansammlungen von Wissen, die ich kenne. Forschende aus aller Welt, die hierherkommen, weil sich bestimmte Fragen nur an diesem Punkt der Erde stellen lassen. Weltreisende, die irgendwann aufgehört haben weiterzureisen. Ein Ort, den man gründlich unterschätzt. Am längsten beschäftigt mich aber etwas anderes. Dort oben fährt praktisch jeder dasselbe Auto, und die Häuser gleichen sich. Es gibt kaum etwas, woran sich Rang ablesen ließe, weil die Bedingungen hart genug sind, dass alles Überflüssige längst
aussortiert wurde. Damit fällt eine ganze Schicht weg, die wir im Süden für die Wirklichkeit halten: die permanente Einordnung von Menschen nach dem, was sie vorzeigen können. Wer nichts vorzeigen kann, wird daran gemessen, was er kann und ob man sich auf ihn verlassen kann, wenn das Wetter kippt. Konkurrenz gibt es trotzdem, zwischen den Firmen vor Ort.
Ich halte sie für gesund, denn sie hält die Leistung oben, und an einem Ort, an dem Fehler teuer bezahlt werden, ist Qualität keine Frage des Stolzes. Und die Geschwindigkeit ist schlicht eine andere. Nichts lässt sich beschleunigen, weil Wetter und Eis nicht verhandeln. Man wartet stundenlang auf ein Licht, das vielleicht nicht kommt. Genau deshalb fahre ich immer wieder hin. Überall sonst ist Zeit das Erste, was verhandelt wird. Dort kann niemand schnell sein, auch ich nicht.
IV. Bad Häring: der Verzicht auf die eigene Stimme
Für die Dokumentarfilmreihe im Parasportzentrum Bad Häring gilt eine Regel, die ich mir selbst auferlegt habe und die mir regelmäßig wehtut: kein Voiceover. Kein Sprecher, der erklärt, was zu fühlen ist. Nur O-Ton.
Das klingt nach einer ästhetischen Entscheidung. Es ist eine moralische.
Ein Kommentar ist ein Geländer. Er sorgt dafür, dass niemand danebentritt, und er sorgt gleichzeitig dafür, dass niemand hinunterschaut. Wer erklärt, nimmt dem Zuschauer die Arbeit ab. Wer dem Zuschauer die Arbeit abnimmt, nimmt ihm auch die Erkenntnis ab, denn Erkenntnis entsteht durch Arbeit.
V: Was es kostet
Es gibt einen bekannten Gedanken darüber, dass der Abgrund zurückschaut, wenn man lange genug hineinsieht. Ich habe ihn früher für Pathos gehalten. Heute halte ich ihn für eine nüchterne Berufsbeschreibung.
Denn das Unangenehme am zweiten Blick ist nicht die Anstrengung. Das Unangenehme ist die Unumkehrbarkeit. Man kann etwas nicht wieder nicht wissen. Wer einmal gesehen hat, wie ein Mensch auf einem Hallenboden liegt (Die Kunst des Leidens) und dankbar dafür ist, gehen zu können, sieht danach jeden Gehenden anders. Das ist kein Gewinn, den man sich aussucht. Das ist eine Veränderung, die man erleidet.
Vielleicht ist das der Grund, warum die Oberfläche so beliebt ist. Sie ist nicht dumm. Sie ist geschützt.
VII. Zwei Fragen, die ich mir stelle
Erstens: Wenn jede Erkenntnis eine Selbstverständlichkeit kostet, wie viel Selbstverständlichkeit ist ein Mensch bereit auszugeben, bevor er beschließt, lieber unwissend und heil zu bleiben.
Zweitens: Und wenn die Bilder, die uns täglich erreichen, alle für den ersten Blick gebaut sind, gegen welche Kraft arbeite ich eigentlich an, wenn ich jemanden bitte, ein einziges davon länger anzusehen als drei Sekunden.
Ich habe auf beides keine Antwort. Ich habe nur ein Wort, ein Handwerk und die Vermutung, dass die Fragen mehr wert sind als die Bilder, die sie ausgelöst haben.
Sichttauchen ist keine Technik. Es ist die Entscheidung, einen Eisberg nicht mit seiner Spitze zu verwechseln.
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Über meine Arbeit
Ich arbeite als Fotograf und Dokumentarfilmer von Miesbach in Oberbayern aus, international und meist über längere Zeiträume. Meine Schwerpunkte sind Fotoreportagen und Dokumentarfilme, Expeditionsfotografie in Polarregionen, Sport- und Leistungsdiagnostik im Bild sowie Business- und Unternehmensfotografie für Firmen, die mehr wollen als saubere Aufnahmen ihrer Räume. Dazu kommen Vorträge und Keynotes über den zweiten Blick.
Wer eine Geschichte hat, die auf den ersten Blick unspektakulär aussieht, ist bei mir richtig. Anfragen für Reportagen, Filmproduktionen, Unternehmensfotografie und Vorträge gehen an info@jackscorner.de oder telefonisch an +49 (0) 176 816 600 43.
zum Weiterlesen
Der Begriff Sichttauchen stammt aus meinem Buch Die Auf-den-zweiten-Blick-Methode, in dem ich die Methode Auf den zweiten Blick® ausführlich beschreibe: die psychologischen Grundlagen, die Reportagen, aus denen sie entstanden ist, und die Frage, was das bewusste Hinterfragen des Gesehenen im Alltag verändert.
Erstauflage Mai 2026, rund 110 Seiten, ISBN 978-3-00-085402-6. Bestellungen über bestellungen@aufdenzweitenblick.com