Vom ersten zum zweiten Blick
Dieses Buch liegt mir am Herzen!
Ich habe einen großen Teil meines Lebens damit verbracht, Menschen anzusehen. Durch eine Kamera, in Ländern, deren Sprache ich nicht sprach, in Situationen, die ich vorher nicht kannte. Irgendwann ist mir etwas aufgefallen, das mich seitdem nicht mehr loslässt.
Fast immer hatte ich schon geurteilt, bevor ich überhaupt richtig hingesehen hatte. Über einen Menschen oder über das, was hier wohl gerade geschah. Die Kamera hat mich geduldig korrigiert. Sie hat mir gezeigt, dass das, was ich auf den ersten Blick zu erkennen glaubte, oft nur die halbe Geschichte war.
Daraus ist über die Jahre eine Methode geworden. Nämlich, wie ich mich selbst auch in emotionalen Momenten – oder in denen, in denen es nicht einfach so geht, andere zu bewerten – innehalte, mich selbst reguliere und versuche, einen genauen, anderen Blick darauf zu werfen. Ich versuche einen Perspektivenwechsel. Ronald Grätz, ehemaliger Leiter des Goethe Institut in Barcelona hat mir dann den entscheidenden Denkanstoß gegeben, diese Erkenntnis wie ich sie wiedergeben kann, weiterzugeben:
Mein Buch „Die Auf-den-zweiten-Blick-Methode“ ist mein Versuch – vor allem an meinen Sohn und die Menschen, die nach uns kommen.
Der erste Blick:
schnelles Urteilen aus alter Zeit
Der erste Blick lügt nicht. Er ist nur schnell.
Du betrittst einen Raum, den du nicht kennst. Noch bevor du richtig angekommen bist, hat dein Kopf schon entschieden. Sicher oder unsicher. Fremd oder vertraut. Niemand hat dich darum gebeten. Es passiert einfach.
Dieser erste Blick ist alt. Älter als jede Höflichkeit, älter als alles, was wir später über das Hinsehen gelernt haben. Er kommt aus einer Zeit, in der das schnelle Einordnen über Leben und Tod entschieden hat. Wer zu lange überlegte, ob das Rascheln im Gebüsch gefährlich war, hat manchmal nicht mehr weiterüberlegt. Also lernte der Mensch, sofort zu sortieren. In Freund und Feind. In Gefahr und keine Gefahr.
Daniel Kahneman und das schnelle Denken
Daniel Kahneman hat diesem schnellen Sortieren einen Namen gegeben. In seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ beschreibt er zwei Systeme in uns. Das eine arbeitet schnell und automatisch und urteilt, lange bevor wir es bemerken. Das andere ist langsam und anstrengend. Es will geweckt werden, sonst bleibt es einfach liegen.
Der erste Blick gehört dem schnellen System. Und das ist kein Fehler. Er hat uns lange beschützt und tut es bis heute. Das Problem beginnt erst dort, wo wir glauben, der erste Blick sei schon die ganze Wahrheit.
Was wäre, wenn er nur eine Frage wäre und noch keine Antwort?
Der zweite Blick: ein Moment der Achtsamkeit
Der zweite Blick ist nichts Großes. Er ist die Entscheidung, einen Moment lang innezuhalten und das erste Gefühl anzusehen, statt ihm sofort zu folgen. Woher kommt mein Urteil gerade? Was sehe ich wirklich, und was lege ich nur darüber?
Genau das meint „Auf den zweiten Blick®“. Es ist keine Technik, die man einmal lernt und dann besitzt. Es ist eine Aufmerksamkeit, die sich üben lässt. Ein kurzes Innehalten, in dem ich merke, dass da gerade ein Urteil entstanden ist, und mich frage, ob ich ihm trauen will. Das ist Achtsamkeit im Alltag, und es ist ein Stück Selbstregulierung, weil ich dem ersten Reflex nicht sofort das letzte Wort gebe.
In diesem schmalen Moment zwischen Reiz und Reaktion liegt fast alles. Dort entscheidet sich, ob ich einen Menschen verurteile oder die Situation verstehe. Das ist für mich der Kern. Nicht der Mensch gehört verurteilt, höchstens die Situation, in der er gerade steht.
Geschichten, die sich auf den zweiten Blick verschieben
In meinem Buch „Die Auf-den-zweiten-Blick-Methode“ erzähle ich Geschichten, die genau davon handeln. Geschichten, die auf den ersten Blick eindeutig wirken und sich auf den zweiten verschieben. Manchmal kippt die ganze Bedeutung, wenn man nur einen Augenblick länger hinsieht. Hier kann ich davon nur andeuten. Im Buch bekommen diese Geschichten den Raum, den sie brauchen, und mit ihnen das, was auf den ersten Blick verborgen bleibt.
Diese Art zu sehen kommt aus meiner Arbeit hinter der Kamera. Eine Kamera belohnt niemanden, der hektisch draufhält. Das gute Bild entsteht selten im ersten Reflex. Es entsteht, wenn ich den Rahmen noch einmal verschiebe und frage, was hier eigentlich passiert, bevor ich auslöse. Auf den zweiten Blick zu schauen, ist für mich nichts anderes als fotografisches Denken, das den Sucher verlassen hat und in den Alltag gewandert ist.
Warum gerade junge Menschen
Mir liegt besonders an jungen Menschen. Sie wachsen mit Bildschirmen auf, die in Sekunden ein Urteil verlangen. Daumen hoch oder runter. Weiterwischen oder bleiben. Wenn es gelingt, ihnen früh zu zeigen, dass zwischen Reiz und Urteil ein Raum liegt, dann verändert das vielleicht mehr als jede gut gemeinte Regel.
Vielleicht ist der zweite Blick am Ende keine Methode, sondern eine Haltung. Eine, die sich üben lässt, an jedem Tag und an jeder Begegnung. Die Frage ist nur, ob wir uns den Moment dafür nehmen.
Was im Buch weitergeht
Dieser Text ist nur ein erster Blick. Im Buch gehe ich den Geschichten nach, die hier nur kurz aufscheinen, und beschreibe, wie sich der zweite Blick im Alltag einüben lässt. Was würdest du anders sehen, wenn du dir öfter den zweiten Moment nimmst?